HEAVY TRIP

HEAVY TRIP

Seit 12 Jahren spielen Turo (Johannes Holopainen, „Der unbekannte Soldat“), Lotvonen (Samuli Jaskio), Jynkky (Antti Heikkinen) und Pasi (Max Ovaska, TV-Serie „Nymphs“) zusammen in ihrer eigenen, immer noch namenlosen Heavy Metal-Coverband – nun fragen sie sich, ob sie vielleicht irgendwann einmal öffentlich auftreten sollten anstatt immer nur zu üben. Das könnte auch ihrem Image helfen, denn in ihrem finnischen Heimatort Taivalkoski gelten die vier jungen Männer als merkwürdige Verlierer und werden bestenfalls mitleidig betrachtet, schlimmstenfalls verspottet. Als die Band zufällig Frank (Rune Temte, TV-Serie „Fortitude“), den Organisator des norwegischen Heavy Metal-Festivals „Northern Damnation“, trifft und ihm ein Demoband ihres ersten eigenen Songs mitgebt, könnte sich ihr Traum erfüllen. Da Leadsänger Turo vor seiner schönen früheren Schulkameradin Miia (Minka Kuustonen, „Das Mädchen und der Rapper“) etwas angibt, macht im Dorf in Windeseile die Runde, daß der Auftritt bereits feststehe – und schon werden sie in der öffentlichen Wahrnehmung von Losern zu Helden. Nur der schleimige Schlagersänger Jouni (Ville Tiihonen, TV-Serie „Black Widows“), der selbst hinter Miia her ist, ist wenig begeistert von der unerwarteten Konkurrenz. Doch noch wartet Turo auf die Zusage, daß sie tatsächlich in Norwegen auftreten dürfen …


Kritik:
Die heiter-skurrile Musikkomödie „Heavy Trip“ ist das Langfilm-Regiedebüt des finnischen Duos Juuso Laatio und Jukka Vidgren, das sich seine Sporen mit der Inszenierung von Musikvideos verdiente. Die beiden bleiben also bei dem, womit sie sich auskennen, und das Resultat ihrer Bemühungen zeigt, daß das eine gute Entscheidung war. Ich persönlich kann im Normalfall nicht allzu viel mit Heavy Metal anfangen. Zwar ziehe ich ihn definitiv deutschen Schlagern, Countrymusik oder Gangsta-Rap vor; speziell jenen Vertretern, die ihre Songtexte vorwiegend brüllen statt singen, kann ich jedoch wenig abgewinnen. So gesehen schlechte Vorzeichen, denn genau diese Art von Band steht im Zentrum von „Heavy Trip“. Genau genommen ihre Musik übrigens „Symphonic Post-Apocalyptic Reindeer-Grinding Christ-Abusing Extreme War Pagan Fennoscandian Metal“ – behauptet zumindest Pasi, der noch ein wenig schräger als seine Bandkollegen ist und sich an jeden Song erinnert, den er je gehört hat (was im Laufe des Films einige Lacher nach sich zieht). Und obwohl ich also wirklich kein Heavy Metal-Fan bin, hat mir „Heavy Trip“ gut gefallen – sogar mit der Musik konnte ich mich anfreunden, lediglich auf Turos Gebrülle hätte ich gerne verzichtet. Für Metal-Fans dürfte „Heavy Trip“ hingegen ein absolutes Fest sein.

In der ersten Stunde ist der mit 90 Minuten recht kurz gehaltene „Heavy Trip“ eine nette, recht alberne, aber sympathische Musikkomödie, die weitgehend dem altbekannten Genreschema folgt, das man aus Werken wie „This Is Spinal Tap“, „School of Rock“, „The Commitments“, „Dreamgirls“ oder dem Über-Klassiker „Blues Brothers“ kennt. Passend zur Metal-Thematik ist der Humor etwas derber und brachialer, aber im Kern geht es einmal mehr um eine Amateur-Band, die diverse Hindernisse auf dem Weg zu ihrem ersten Konzert überwinden muß. Das wird wenig originell, aber sehr amüsant erzählt, wobei die schrulligen Dorfbewohner ebenso für humoristische Einlagen sorgen wie Sänger-Antagonist Jouni und natürlich die enthusiastische, aber stets etwas überfordert wirkende Band selbst. Manche Gags sind richtig gut (das Blitzer-Promofoto), andere arg offensichtlich (die Rentierblut-Dusche), aber im Großen und Ganzen gibt es nicht viel zu bemängeln. Jedoch gleichzeitig auch nicht viel, das man wirklich bejubeln könnte, zumal die Vorbereitungen auf den Trip nach Norwegen sich etwas sehr in die Länge ziehen und ein paar relativ unnötige Storyschlenker mit sich bringen, wenn das Privat- und Arbeitsleben der Freunde näher beleuchtet wird. Es ist zwar nett, ein bißchen mehr über die Protagonisten zu erfahren, aber letztlich wirken diese Szenen eher alibihaft.

Von einem soliden zu einem richtig guten Film wird „Heavy Trip“ dank seines letzten Akts. Als der titelgebende Trip nach Norwegen nämlich endlich startet, zeigt sich, daß die vier Drehbuch-Autoren sich das mit Abstand Beste bis zum Schluß aufgehoben haben. Anders formuliert: In den letzten 30 Minuten dreht „Heavy Trip“ so dermaßen am Rad, daß es für alle Freunde des Abseitigen und Skurrilen eine wahre Freude ist! Die Inspiration durch „Blues Brothers“ ist in dieser Phase besonders offensichtlich, was wohlgemerkt keinesfalls kritisch gemeint ist – ein besseres Vorbild kann sich eine Musikkomödie schließlich kaum nehmen und „Heavy Trip“ wird ihm durch eine temporeiche Abfolge hemmungslos schwarzhumoriger, skurriler, an Monty Python ebenso wie an Christophers Smiths ähnlich durchgeknallte Horrorkomödie „Severance“ erinnernder Geschehnisse und Begegnungen absolut gerecht. Angesichts der relativ zahmen und gemächlichen ersten Stunde kommt man als Zuschauer nicht mehr aus dem Staunen heraus, welch aberwitzige, ausnahmslos ins Schwarze treffende Einfälle und Wendungen von einer Begegnung mit Wikingern bis hin zu einem explosiven internationalen Grenzzwischenfall man nun quasi im Minutentakt vorgesetzt bekommt, sodaß man kaum noch zum Durchatmen kommt. Und doch verliert „Heavy Trip“ bei diesem wahnwitzigen Gagfeuerwerk nie sein Herz, denn bei allem Spektakel geht es immer noch um ein paar von ihren Darstellern sicher nicht preisverdächtig, aber dafür sehr einnehmend verkörperten Freunde, die sich ihren großen Traum verwirklichen wollen. Einfach nur sympathisch.

Fazit: „Heavy Trip“ ist eine schwarzhumorige, jederzeit sympathische finnische Heavy Metal-Komödie, die erzählerisch relativ zahm und gemächlich beginnt, sich im letzten Drittel aber zu einem aberwitzigen Partyfilm á la „Blues Brothers“ entwickelt, der einfach nur Spaß macht!
EOhd0Smy

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